Umgang mit dem Tod


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Umgang mit dem Tod

Beitragvon ojenny » Fr 23. Jan 2015, 02:26

Hi Ihr Lieben,
ich glaube, dass Menschen schon immer die Fähigkeit zum Empfinden von Liebe oder Trauer etc. hatten, Tiere auch. Auf jeden Fall.
Was ich meinte war, dass der Umgang mit Verstorbenen früher anders war. So wie auch der Umgang mit dem Tod und dem Sterben.

Heute ist der Tod so ein Tabuthema. Niemand will Tote sehen oder mit ihnen zu tun haben.
Als zum Beispiel meine Großtante nach ihrem Tod vor 2 Jahren noch 3 Tage zu Hause aufgebahrt blieb, haben nur wenige die Gelegenheit ergriffen, sich noch einmal zu verabschieden. Was meint ihr, wie viele Ausreden ich gehört habe!
Bis hin zu dem Spruch, dass man den Geruch nicht vertragen könne...

Was ich meine ist, dass der Tod in unserer Gesellschaft keinen Platz mehr hat und das war nicht immer so. Tod und Vergänglichkeit waren früher allgegenwärtig und etwas Bekanntes.
Heute macht er uns nur noch Angst. Und unser Umgang mit dem Thema ist davon geprägt.
Unzählige Gruselfilme widmen sich erfolgreich diesem Thema.
Dabei wäre eine Nacht im Leichenschauhaus sicher friedlicher und harmloser als eine Nacht in Berlin am 1. Mai. Aber wo wärt ihr lieber?


Gruß,
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Re: Umgang mit dem Tod

Beitragvon Jens » Fr 23. Jan 2015, 16:46

Hallo,

natürlich ist der Tod eine heikle Sache. Der eigene und der der anderen. Zumindest der der Menschen, die einem nahestehen.
Ansonsten sieht man sich Tote schonmal ganz gerne an, im Tatort muss die Kamera mindestens einmal auf den Toten halten, weil man ihn sehen will.
Auch die Fotos von den Leichen auf der Bodyfarm hat man sich angesehen.
Aber der Tod von Menschen, die einem nahestehen, ist etwas anderes. Er bedeutet auch gleichzeitig Verlust, weil man mit dem Tod einen Menschen im Leben verliert. Über diesen Verlust ist man mehr als traurig. Man trauert.

Ich halte es nicht für Ausreden, wenn jemand nicht zu der aufgebahrten Oma kommt. Es ist einfach für manche Menschen schrecklich, sie so tot daliegen zu sehen. Der Geruch? Natürlich ist das auch ein Grund. Der Tod steigt einem sozusagen in die Nase und wird somit noch verinnerlicht.
Ich sehe es nicht so, dass der Tod ein Tabuthema ist, sondern dass man einfach nicht an den Verlust eines geliebten oder auch nur nahestehenden Menschen denken möchte. Weil schon der Gedanken daran weh tut.

Meine Oma war kurz vor der Beerdigung in der Friedhofskapelle aufgebahrt und mein Vater hat mich gefragt, ob ich sie nochmal sehen möchte. Ich habe verneint, weil ich sie so in Erinnerung behalten wollte, wie sie zu Lebzeiten war und es für mich schrecklich gewesen wäre, sie so tot daliegen zu sehen.
Es wurde anstandslos akzeptiert und wie ich hinterher erfuhr, haben nur ein paar unserer Verwandten einen letzten Blick auf sie geworfen, die anderen auch nicht.
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Re: Umgang mit dem Tod

Beitragvon Serafina » Fr 23. Jan 2015, 20:45

Hallo Jens!
Da stimme ich dir total zu. Bei Krimis wartet man förmlich drauf, dass die Leiche gezeigt wird ...
Je grausiger sie zugerichtet wurde, um so mehr fiebert man danach, den Täter zu sehen, der diesen Mord begangen hat. Ich bin da sicher keine Ausnahme! :peinlich_:
Aber bei Familienangehörigen oder Freunde, ist es etwas anderes.
Mein Opa wurde auch noch aufgebahrt, weil meine Oma es gerne wollte.
Es waren viele Leute gekommen, Familie und Freunde. Die einzigen, die an den Sarg gingen, waren meine Oma, meine Mutter und mein Vater. Wobei meine Eltern auch nur mitgingen, um meine weinende Oma zu stützen.
Ich bin nicht gegangen und meine Geschwister wollten auch nicht.
Mein Opa starb ausgerechnet am Geburtstag meiner Oma. Wir hatten am Nachmittag noch alle gefeiert, waren fröhlich und er war gut drauf. In der Nacht versagte dann plötzlich sein Herz!
Ich wollte ihn so in Erinnerung behalten, wie ich ihn zuletzt sah!

Ich wünsche dir (und allen anderen natürlich auch) ein schönes Wochenende

Serafina
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Re: Umgang mit dem Tod

Beitragvon ojenny » Fr 23. Jan 2015, 21:27

Hallo Ihr drei!

Ich kann verstehen, dass man seine Lieben so in Erinnerung behalten will, wie sie früher waren: fröhlich und am Leben. So wie man sie gerne hatte. So wie sie aussahen, als das Leben noch in Ordnung war.

Wenn das Leben noch in Ordnung war.

Manch ein Langzeitbettlägeriger sieht wesentlich gequälter und mitgenommener aus, als ein Verstorbener.
Wenn jemand schon lange krank ist und leidet, besucht man ihn doch auch im Krankenhaus oder Pflegeheim.
Warum traut man sich im Gegenzug aber nicht mehr an die Verstorbenen heran?

Früher wurden sie z.T. von den Familienangehörigen gewaschen und aufgebahrt, heute gibt man diesen "Job" ab.
Ich habe mich damals sehr lange von meiner Oma verabschiedet und das war für mich genau die richtige Entscheidung. Ich würde es bei jedem meiner Lieben wieder so machen.
Das habe ich auch bisher getan.

Dieser Prozess der Verabschiedung und der Realisierung, dass die Oma/der Opa/der Freund/die Schwiegermutter wirklich tot und gegangen ist, finde ich für mich wichtig. Es ist ein Teil des Trauerprozesses, der mir hilft die Situation zu begreifen und zu akzeptieren.

Ich respektiere es, wenn es jemand nicht kann oder möchte.
Aber ich glaube, dass es ein Phänomen dieser Zeit ist. Wir sind es nicht mehr gewöhnt, dass Menschen sterben.
Sie sterben - glücklicherweise - in der Regel nicht mehr an Blinddarmentzündungen, im Kindbett oder durch Blutvergiftungen, zu frühe Geburt oder Herzfehler etc.
Menschen sterben in diesen Breitengraden später, in Krankenhäusern oder Pflegeheimen, in aller Stille. Nicht mehr mitten in der Familie.
So rückt der Tod aus unserem Blickfeld und wird etwas Fremdes.

Traurig waren die Hinterbliebenen natürlich schon immer. Aber ich glaube, dass man früher einfach eher mit dem Tod rechnete und deswegen nicht "so kalt erwischt" wurde wie heute.

Was meinst Du, Finchen?

Gruß,
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Re: Umgang mit dem Tod

Beitragvon Serafina » Sa 24. Jan 2015, 07:40

Liebe ojenny,
natürlich verarbeiten wir Menschen derartige Trauerfälle unterschiedlich und das ist auch gut so.
Ich habe auch keine Probleme damit, todkranke Familienmitglieder zu pflegen. Als Beas Mutter im Krankenhaus verstarb, sind wir auch sofort hingefahren und haben uns lange von der Verstobenen verabschiedet.
Beas Mutter war, nach ihrem schweren Schlaganfall, 5 Monate im Pflegeheim ... ihr Tod war für uns also keine Überraschung und für sie selber eine Erlösung.
Mein Opa hingegen wurde mitten aus dem Leben gerissen. Es gab vorher ja gar keine Krankheits-Anzeichen. Vielleicht brauchte ich deshalb eine andere Art der Trauer als bei Beas Mutter und konnte mir die Leiche nicht anschauen?
Du verstehst sicher, was ich meine.
Ja, früher wurden die Toten von den Familienangehörigen "zurechtgemacht" und oft tagelang in der Wohnung aufgebahrt.
Heute müssen die Hinterbliebenen zuerst die Beerdigungsunternehmen fragen, ob und wie lange es gestattet wird, einen Leichnam zu "behalten"!
Eine Nachbarin von uns durfte ... nach langen Gesprächen ... ihre Mutter drei Tage lang im Haus behalten. Es ist einfach nicht mehr üblich und erfordert deshalb auch die Einwilligung der Bestatter.

Nun, ich finde auch, dass es wesentlich einfacher ist, einen Verstorbenen anzuschauen, als täglich einen totkranken Menschen sehen zu müssen ... und doch nicht helfen zu können!

Liebe Grüsse vom Finchen
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Re: Umgang mit dem Tod

Beitragvon Blue » Sa 24. Jan 2015, 13:51

Hallo ihr Lieben,

mir fiel gerade auf, dass ihr denkt, früher hätten Familienangehörige ihre verstorbenen Vorfahren zurecht gemacht. Dies ist nicht richtig, denn es waren bestimmte Frauen aus dem Ort, die den Verstorbenen mit Andacht zurecht gemacht haben. Sie erhielten eine letzte Waschung und wurden eingekleidet, die Angehörigen verließen dazu das Zimmer und kamen wieder, wenn die Frauen fertig waren. Diese Frauen wurden meistens von dem Geistlichen empfohlen.
In armen Familien haben es in seltenen Fällen die Töchter oder Schwiegertöchter gemacht.
Man hat immer darauf geachtet, die Hinterbliebenen nicht alleine zu lassen und ihnen in ihrer Trauer beizustehen.
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Re: Umgang mit dem Tod

Beitragvon ojenny » Sa 24. Jan 2015, 16:53

Hallo Blue,
diese Frauen kenne ich auch, aber es gab sie nicht überall bzw. für jeden, wie Du schon schriebst.
Ich finde es auch viel persönlicher, wenn sich jemand mit dieser Aufgabe befasst, der der Familie bekannt ist. Bestattungsunternehmen sind doch oft Fremde für die Familie. Eine Frau, die ins Haus kommt und dann auch noch weitere Hilfe leistet, ist für viele bestimmt eine große Hilfe (gewesen).

Was ich gut finde ist, dass es immer noch den geistlichen Beistand für die Familien gibt, wenn diese das möchten.
Viele wollen das hier in der Gegend gar nicht mehr in Anspruch nehmen. Und es ist ja auch so, dass z.B. die Pastoren die Verstorbenen und deren Familien gar nicht mehr so gut kennen, wie das vielleicht früher der Fall war.


Hallo Finchen,
dass Dein Opa so aus dem Leben gerissen wurde, ist eine schlimme Geschichte. Bei meiner Oma war es genauso.
Und deswegen brauchte ich diesen Abschied. Ich hatte noch so viel zu sagen.

So unterschiedlich sind die Menschen in ihrer Trauer und Trauerverabeitung.
Jeder muss das tun, was er braucht.


Man muss den Bestatter übrigens nicht bitten, bzw. er muss keine Erlaubnis zur Aufbahrung zu Hause geben, denn laut Gesetz hat man das recht dazu. Aber nur eine bestimmt Zeit lang und in geeigneten Räumen.
(Aber vielleicht gibt es manchmal Probleme mit der terminlichen Abstimmung mit dem Bestatter und Euer wollte es deshalb nicht so gerne haben. Bürokram eben...)

*** Der Link ist nur für Mitglieder sichtbar, zum Login. ***

Wir hatten zuletzt 2013 eine Aufbahrung über ein Wochenende in der Familie; in einem ungeheizten Raum im Oktober. Es war ein stiller, feierlicher Raum. Einige meiner Familienmitglieder haben die Möglichkeit zum Abschied genutzt, andere nicht. Ich war da und fand es sehr gut so.
Es gab mir die Möglichkeit zu begreifen, dass dort nur noch eine Hülle lag, nicht mehr der Mensch den ich kannte und gern hatte. Der Moment, in dem ich das begriff, ist schon etwas Besonderes gewesen.

(Und es roch übrigens nach überhaupt nichts. So schnell geht das nicht.)



Gruß,
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Re: Umgang mit dem Tod

Beitragvon Otherworld-Fan » Mo 26. Jan 2015, 21:08

Hallo,

die Bestattungskultur ist tatsächlich im Wandel, denn nicht jeder möchte mehr kirchlich bestattet werden.
Wer auf geistlichen Beistand verzichtet, sucht sich meistens weltlichen Ersatz. Daher gibt es viele Trauerredner, die kirchenungebunden sind.
Die große Anzahl der Kirchenaustritte verstärkt die Zahl derjenigen, die keine kirchliche Bestattung wollen. Nach den Missbrauchs-Skandalen in katholischen Internaten und anderen Einrichtungen sollen über 500.000 Menschen aus der Kirche ausgetreten sein.
Das klassische Erdfamiliengrab gibt es immer seltener, weil die Familien immer zerstreuter leben und es ist auch ein finanzieller Aspekt, der Angehörige der Verstorbenen nach Alternativen suchen lässt. Viele Menschen machen sich auch Gedanken über Alternativen. Stille Abschiede, Wiesen- und Waldfriedhöfe sind auch immer wieder im Gespräch.

Ob der jeweilige kirchliche Geistliche den Verstorbenen kannte oder nicht, spielt eine eher untergeordnete Rolle, denn man bespricht sich mit ihm vorher und gibt ihm notfalls einen Zettel mit der Rede in die Hand oder teilt ihm zumindest ein paar Informationen aus dem Leben des Verstorbenen mit.

Man kann einen Verstorbenen bis zu 36 Stunden im Wohnhaus aufbahren. Wenn man ihn länger zuhause aufbahren möchte, muss man tatsächlich eine Genehmigung vom zuständigen Gesundheitsamt bekommen, die in solchen Ausnahmefällen vom Beerdigungsinstitut eingeholt wird. Also nicht der Bestatter erteilt Genehmigungen, sondern er holt sie vom Gesundheitsamt ein.
Länger als 36 Stunden (in Thüringen nur 24 Std) ist ein Ausnahmefall und kann genehmigt werden, wenn z.B. weitere Familienmitglieder eine weite Anreise haben oder erst später kommen können oder sonstige wichtige Gründe vorliegen.
Es gilt immer, bei Leichen auf die hygienische, ästhetisch unbedenkliche Aufbahrung zu achten.


Wie beispielsweise die Darmbakterien im Verstorbenen wirken und wie schnell das geht, haben wir ja gesehen!
Der Raum muss auf jeden Fall ungeheizt sein im November und im Sommer muss er gut gekühlt sein.

Früher wurden die Verstorbenen zuhause belassen, weil es damals noch keine Leichenhäuser und auch Trauerhallen an den Friedhöfen gab.
Aber seitdem die Sauberkeit und Hygiene beachtet wird, ist man davon tunlichst abgekommen und das ist auch gut so.

Ich teile diese "früher war alles besser" Mentalität nicht. Es war früher beileibe nicht alles besser, es war unter anderem generell unhygienischer, zumal es keine Waschmaschinen gab und die Wäsche mitunter im Fluss geschrubbt wurde.

Es ist heute aber durchaus möglich, dass Angehörige das verstorbene Familienmitglied "zurechtmachen", zweifellos.
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Re: Umgang mit dem Tod

Beitragvon Serafina » Di 27. Jan 2015, 00:31

Hallo Otherworld,
deinen Beitrag finde ich interessant. Einiges wußte ich noch nicht ... zum Beispiel die festgelegte Aufbahrungszeit im Haus.
In unserer Familie fanden auch unterschiedliche Beisetzungen statt.
Da gab es Erd- und Feuerbestattungen sowie eine Seebestattung; die Urne meines Onkels aus Hessen, kam in eine sogenannte Urnenwand.
Auf unserem Friedhof hier gibt's sowas nicht. Neben den herkömmlichen Urnen - und Erdgräbern mit Grabstein, sind durchaus auch anonyme Gräber oder Reihengräber auf einer großen Wiese (mit kleinen Grabsteinen) üblich.
Wir hatten immer Pastoren, welche die Trauerandacht abhielten. Als meine Mutter gestorben war, hatten wir für ihren Pastor die Rede geschrieben. Trotz der langen Vorlage, versemmelte er die Traueransprache und machte 2x beim Reden eine peinliche Pause, da er den Vornamen meiner Mutter vergessen hatte!
Bei Beas Vater hatten wir einen Prediger und auf derBeerdigung ihrer Mutter, hielt Bea selber die Trauerrede.

Grüsse von
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